Handwerker: Björn Hammerson
Handwerk ist eine Familientradition, seit Kindheitstagen weiß Björn wie man den Hammer schwingt und die großen Brennöfen befeuert. In den Werkstätten herrscht ein rauer Ton, doch seine Leute respektieren ihn. Seine Autorität bringt Ordnung, und hält die uralten Strukturen aufrecht. Doch sein Temperament und seine ruppige Art haben schon manchen Gesellen vertrieben. Nur harte ehrliche Arbeit hat in seinen Augen Wert.
Ist der alte Sturkopf für Veränderungen bereit?

 

Die Gestalt war in einen dunklen Mantel gehüllt und brachte Sorge und Gedrungenheit in ihrer Ausstrahlung mit hinein in die Schreinerei. Irina Schränker setzte den Hobel wieder an und raspelte eine weitere Lage Holz von der werdenden Tischplatte vor sich. Sie schaute den Gekommenen aufmerksam an, grüßte aber nicht, bis er die Hände ineinander verschränkte und von sich streckte, wie es im Handwerksviertel üblich war, wenn man ein Anliegen hatte. “Was gibt’s?”, fragte die Schreinerin. “Zieh deine Kapuze aus, du bist in einem geschlossenen Raum.” – “Hammerson sollte mich nicht sehen.”, antwortete eine junge, abgehetzte Stimme. Irina erkannte Jorlando den Barden. Sie hatten früher häufig gemeinsam am Markt getobt. Den Kindern heute war solches Vergnügen verboten. “Wird er nicht. Ihm ist letzte Woche die Esse gesprungen. Er hat andere Sorgen.” Jorlando enthüllte seine feinen Gesichtszüge. Er hatte ein stolzes Kinn und eine zarte, dünne Nase. Sein Mund hatte eine ungenaue Form, weil er in der Regel ständig in Bewegung war. Seine Augen waren immer rastlos. Es schien, als könne er sich wirklich nicht entscheiden, wohin er schauen wollte, weil jeder Augenwinkel ihn irgendwie in Verlegenheit brachte. Deshalb schwirrten seine Augen quer durch den Raum. Wurde er darauf angesprochen, sagte er nichts, heftete seinen Blick völlig starr an einen Punkt am anderen Ende des Ortes und bewegte ihn dort nicht mehr fort, bis das Gespräch beendet war. “Beruhige dich erstmal!”, sagte die Handwerkerin sanft und wies auf einen ungeschliffenen Stuhl, “Was kann ich für dich machen?”. Der Künstler setzte sich, atmete tief in den Bauch und antwortete dann deutlich entspannter: “Wir brauchen ein Bühnenbild für das Theater in fünf Wochen. Wir haben bei uns genug Maler, aber es gibt keinen der was bauen kann. Wir geben dir fünf Ellenlängen Seil, wenn du zwei Tage vor Premiere lieferst und nochmal zwei Hand breit, wenn la Fuego zufrieden ist. Kannst du das machen?” – “Wir sollen keine Aufträge mehr aus den anderen Vierteln übernehmen. Ich mach’s nicht für weniger als zehn.”, erwiderte Irina, doch Zweifel klang in ihrer Stimme. “Wenn du da mitmachst wird sich nie was ändern!”, gab Jorlando entrüstet zurück und drehte sich zur Tür. “Wir waren Freunde.” – “Sagen wir acht.”, gab die Schreinerin nach. Sie einigten sich auf Sechs und fünf Handbreit, was in etwa so viel wie sieben und zwei Handbreit war, aber es wurde gemeinhin vermieden, die verwunschene Zahl in Geschäfte einzubeziehen. “Wie bist du eigentlich hergekommen?”, fragte Irina nachdem alles weitere besprochen war. “Ich habe mich in einem Heukarren versteckt.” – “Wie kommst du zurück?”, bohrte sie nach. “Ich dachte du könntest mir helfen!”, antwortete Jorlando. “Ich hab noch einen Schrank für den Markt. Die Esel müssten jeden Moment da sein.” – “Na wenn’s denn sein muss.”, seufzte der Barde, klopfte Irina zum Abschied wortlos auf die Schulter und verschwand hinter der massiven Holztür.

Irina trat ein paar Schritte zurück, musterte das Mobiliar und die Stellwände vor sich und lächelte zufrieden. Sie fand, dass ihr alles sehr gut gelungen war. Jorlando würde begeistert sein und vermutlich hatte die alte Fuego auch nichts zu maulen. Wobei die Gildenmeisterin des Künstlerviertels gemeinhin als unberechenbar galt. Die Schreinerin dachte wieder an Jorlando und musste laut loslachen, als sie sich vorstellte, wie er am Markt plötzlich aus dem Schrank gesprungen kam, vom Karren hüpfte und dann so schnell lief wie er nur konnte, damit ihn ja keiner erkennen würde. Die Teilungsvorschriften wurden recht strikt durchgesetzt. Trotzdem gab es immer wieder Grenzgänger, die es nicht sein lassen konnten in den anderen Vierteln umher zu streifen. Sie spürte eine klamme Wehmut. Den meisten Stadtbewohnern ging es dieser Tage so, wenn sie an ihre Freiheit und Freunde dachten, die beide erhebliche Verluste erlitten hatten. Während Irina in Gedanken versunken dort stand und nicht wusste, wie sie sich positionieren sollte, schlug plötzlich die Tür auf und drei muskelbepackte, knallharte Männer kamen herein. Sie trugen Hämmer mit sich, warfen nur einen Blick auf die Frau im hinteren Teil der Werkstadt und begannen sofort alles um sich herum in Stücke zu schlagen. Sie schlugen Löcher in die Stellwände, kürzten die Beine der Möbel und schlugen sie dann mittendurch. Sie warfen den Stuhl auf dem Jorlando gesessen hatten, eine aufwendige Arbeit für den Stadtadel, gegen das Fenster, das er und die Scheibe zerbrachen. Was sie nicht klein bekamen schmissen sie um, was sie nicht fanden wurde von den herumfliegenden Teilen der anderen Möbel ramponiert. Als sie fertig waren schaute der Größte und Kräftigste der Männer der fassungslosen Schreinerin fest ins Gesicht und sagte, kalt und drohend: “Hammerson lässt sagen, das nächste Mal, wenn de nich für unser Viertel sondern wen andres schaffst, macht er hier gleich alles dicht!”. Dann gingen sie, ohne ein weiteres Wort. Nur der letzte von ihnen drehte sich noch einmal um, schnaubte verzweifelt und ließ aus seiner Hosentasche ein Stück Seil auf den Boden fallen. Dann war auch er verschwunden.

Warum sollte man sich das gefallen lassen? Wozu der ganze Hass? Was hatte die einst so stolze und einige Stadt nur so hässlich und niederträchtig gemacht? Irina saß auf dem Boden. Ihr Blick ging in die Leere. Was konnte dagegen getan werden? Was konnte sie nur tun?