LIS war in den Wald am Hafen gebaut und stach aus der wilden Landschaft ringsum kaum heraus, sie war Teil davon. Zwischen den einfachen Behausungen der Bewohner schlängelten sich enge Gassen, die als schmale Pfade in die Wälder führten. Es herrschte ein geschäftiges Treiben. Kinder saßen den Weg entlang auf den Bäumen und jagten sich zwischen den Häusern. Am Morgen rückten die Arbeiter*Innen in ihre Gilden aus, um mit ein paar Klimpeln ihren Lebensunterhalt zu sichern. Im Alltag waren es vor allem die Gilden die das Leben der einfachen Bevölkerung bestimmten. Ein altes Sprichwort sagte: “Handwerk ist zwar Kunst, aber auch ein Gaukler der Knoten kann sollte nicht zur See fahren. “So war es auch und so wurde es miteinander gehalten. Während außerhalb der “Lodernden Flammen”, dem Versammlungsort des Handwerks, nirgends in der Stadt eine andere Werkstätte zu finden war, fanden sich alle Ateliers, poetischen Kollektive und Bildhauereien um die “Schwanige Eiche” herum, die von jeher als musisches Zentrum des Ortes galt. Auch die Gaukler*Innen und Seefahrer*Innen, die beide eher für ihre Sprunghaftigkeit und Reiselust bekannt sind, blieben gewöhnlich unter sich, denn während die einen vielleicht etwas zu viel auf die Geheimnisse ihrer Kunststücke und Zaubertricks hielten, die sie im Eulenspiegel am Markt einübten, handelte es sich bei den anderen um eher ruppige und bodenlose Gesellen, die in der städtischen Lebenswirklichkeit keine Wurzeln mehr schlagen wollten. Wichtiger als die inhaltlichen Gründe für die schier unüberwindbare Kluft zwischen den Angehörigen der verschiedenen Berufsstände war allerdings ein ganz grundlegendes, fest verankertes Problem, das alle paar Jahre in der Wahl des Stadtoberhauptes, “Stadtmeister” genannt, seinen Ausdruck fand. Doch dazu zu einem anderen Zeitpunkt mehr. Jede Gilde hatte einen Meister oder eine Meisterin, die vor Ort mit festem Griff die Zügel in der Hand hielt.

So wichtig die prunkvollen Zentren der Gilden im alltäglichen Leben für die Arbeitenden waren, so verboten war der Eintritt für alle anderen. Man begegnete sich zwischen den Wohnvierteln, wo Barden und Steinmetzen wortlos nebeneinander schliefen und an Kochstellen, die sich aus praktischen Gründen von mehreren Familien geteilt wurden. Ein richtiger Austausch fand jedoch allein auf dem Markt statt.  Hier war alles egal. Im Sommer trat das spielende Volk aus seinem Festzelt hinaus und führte in wüster Dramatik das Einstudierte auf. Die fein-sinnlichen Geister der Kunst unter der berüchtigten Kritikerin Florence Fatale stellten ihre Werke zum Verkauf und das Handwerk bot alles, was für den täglichen Gebrauch benötigt wurde. In düsteren Ecken konnte man exotische bis verboten schmackhafte Güter aus fernen Ländern der Seereisenden kaufen und sich sogleich wieder klauen lassen, wenn man nicht ausreichend aufmerksam war. Es wurde getauscht und geschachert und geschmaust und gelacht. So ging das jeden Abend, bevor man wieder auseinanderging und eine Jongleurin wieder Gauklerin und ein Navigator wieder Seemann war. Was blieb waren dann nur noch die leeren Stände und eine niedergetrampelte Wiese. An den äußeren Rändern des Platzes waren vier mächtige und völlig unbewegte Säulen zu erkennen, die in den Farben der jeweiligen Gilde erstrahlten, die sie aufgestellt hatten. Die Farbe rührte von Wimpeln her, die in LIS eine lange Tradition hatten und als Symbol des Dankes täglich für getane Arbeit ausgegeben wurden. Sie zeigten Zugehörigkeit und Treue und wer hart arbeitete und ihrer*seiner Gilde treu ergeben war, der*die schlug am Abend den Wimpel an die Säule der jeweiligen Gilde und drückte damit aus, wer in Zukunft die Geschicke der Hafenstadt lenken sollte.