Seefahrer: Captain Benjamin Hancock
Benjamin Hancock, von allen nur Captain genannt, ist berühmt berüchtigt für seine Streifzüge über die 7 Weltmeere. Er liebt die Freiheit und die Frauen.
Kühn und mutig (und ein bisschen verrückt?) navigiert er seine Mannschaft durch die Gezeiten und erinnert sich abends bei einem Krug Rum an die alten Seemannsgeschichten.
Regeln legt er so aus, dass sein Kompass immer nach Norden zeigt. Wozu sich auch eingeschränken lassen? Doch bist du noch Teil des Ganzen, wenn du nur deine eigenen Segel hisst?

 

Ein altes schmutziges Tuch bedeckte den Eingang zur Spelunke und wenn man davor stand konnte man den dumpfen Kerzenschein im Inneren sehen. Eine Tür gab es schon lange nicht mehr denn sie war, damals, als das Treiben noch bunter war, einmal herausgerissen worden und der Wirt hatte niemals genug Seil aufbringen können um sie zu ersetzen. Es war eine wilde schöne Zeit, als alle noch zum Hafen kamen, um dort bei Gitarrenklang die Abende zu begehen und die Tage zu feiern. Von allen Vierteln der Stadt waren sie hergekommen und das bunte Getümmel hatte dem sonst so tristen Gebäude etwas Leben eingehaucht – heute schien es eher grau.

Gedämpft drang das Knacken der erlöschenden Glut nach außen und trat einer ein, dann sah er, trotz des Stroh und Dreck am Boden, einen Raum der wie leergefegt schien. Es war beunruhigend ruhig, für einen Kneipenabend, aber eine Sägewerkarbeiterhand voll, nämlich drei, Gestalten, eine Hafenspielerin, eine Seiltänzerin und ein Schmied, saßen vorne am Tresen und unterhielten sich gedämpft, irgendwo aus einer Ecke klimperte leise eine Gitarre und der Wirt wischte mit irrem Blick über die Theke, die unter dem braunen Lappen nicht sauberer wurde.
Ein leichter Hauch der salzigen Meeresluft war durch den beißenden Rauch des ersterbenden Feuers hereingedrungen und zwischen den Takten des Barden in der Ecke hörte man das Meer gegen die Brandung schlagen. Der Abend war noch jung.

„Die besten Tage sind vorbei, ich weiß nicht, warum ich überhaupt noch das Risiko eingeh‘ und herkomm.“, sagte die Gauklerin und kreiste abwesend einen kleinen Ball in ihrer Handfläche „Wahrscheinlich würden wir dich sonst gar nicht mehr sehen.“ , antwortete die Hafenspielerin bedrückt. „Dann ist‘s deine Schuld, ich bin überall zu treffen.“, war die patzige Antwort.
Es folgte ein kurzes Schweigen, dann schlug der Schmied mit der Faust auf den Tisch, funkelte die beiden Frauen neben sich wütend an und vergrub die Handflächen im borstigen Schnauzer, bevor er mit einer gewissen Rührung sagte: „Es ist eine Schande!“

Es war tatsächlich eine Schande, denn in der Stadt war einige Wochen zuvor eine Veränderung passiert, die jetzt erst langsam in den Köpfen der Menschen ankam und sie wütend und fassungslos machte, ihnen das Zusammenleben erschwerte und ihre Lebensfreude dämpfte.

Der Wirt schaute kurz auf, nickte, spuckte in seinen Lappen und wischte wie besessen weiter. „Ich sag euch was, die kriegen uns nicht klein!“, donnerte der Schmied, ohne dass es aber sehr überzeugend klang. Die Lage war doch eher aussichtslos. „Es braucht mir keiner zu sagen, wie ich wann wohin darf und welchen Weg ich dafür nehm‘. Da braucht mir keiner kommen. Dem zwiebel ich gleich eins mit dem Hering auf’n Rummel, wenn mir da einer so kommt. Das könnt ihr aber glauben. Ist ja immer noch meine Stadt und wenn se die kaputt machen wolln solln se doch, aber nicht mit mir. Mit mir nicht!“ – „Ist doch nichts als leeres Geschwätz.“, fiel die Seiltänzerin ein, „du würdest keiner Fliege ein Haar krümmen und was du heute beklagst, hast du morgen schon akzeptiert. So sind die Leute.“ Sie wandte sich der Hafenspielerin zu, deren Blick scheinbar verträumt an einer Wand klebte. Es sah aus als wäre sie dem Gespräch nur halb gefolgt. „Mein Heimweg ist schwer und es ergibt eh keinen Sinn hier zu sein. Ich mach mich ab. Kommst du mit?“ Die junge Frau nickte, sie dankten dem Wirt mit einem Stück blauen und einem Stück gelben Seil und klopften dem Schmied im Vorbeigehen zum Abschied wortlos zweimal auf die Schulter, so wie es Sitte war. Dann verschwanden sie durch das schmutzige Tuch nach draußen und die Hafenkneipe blieb noch etwas leerer zurück, der Wirt füllte des Schmiedes Krug noch einmal auf und aus einer dunklen Ecke klang leise eine Gitarre.

Die Abendluft war kühl und feucht. Es wehte wie üblich ein lauer Wind am Hafen und hielt seine Bewohner bei Sinnen. „Es ist immer dasselbe! Die Nörgler beschweren sich über die Umstände, aber es macht ja doch keiner was! Ich weiß nicht warum man überhaupt darüber reden sollte!“, schnatterte die Seiltänzerin los, kaum hatten sie die Spelunke verlassen. „Hast du denn was vor?“, fragte die Hafenspielerin. „Ne, aber ich sag ja auch nix.“ Eine Ratte huschte im Schein einer Laterne den unbefestigten Weg vor ihren Füßen entlang und verschwand wieder in der Dunkelheit. “Na die hat’s gut!”, fing die Gauklerin wieder an. “Macht sich jetzt bestimmt ins Handwerkerviertel, um in irgendeiner Vorratskammer ein Stück Käse zu stibitzen. Man müsste ne Ratte oder ne Möwe sein, denen machen die Mauern überhaupt nix.” – “Du kletterst doch auch einfach drüber, als wäre es nichts.”, sagte die Hafenspielerin, “Das könnte ich nie.”
“Es ist nicht so einfach”, erwiderte die Akrobatin, während die beiden langsam durch’s Dunkel schritten, sich in alle Richtungen nach Halunken und schäbigen Gaunern umschauend, von denen es am Hafen reichlich gab. “Letztes Mal wäre ich fast erwischt worden.”, fuhr sie fort. “Jetzt schau dich doch nicht die ganze Zeit so um. Du machst einem ja Angst.” -“Du schaust dich ja selbst um!”, gab die Hafenspielerin zurück, dann schwiegen beide und beschleunigten ihre Schritte.

Sie passierten beinahe das ganze Hafenviertel, vorbei an der Rederei, von der schon so mancher Seefahrer in gefährliche und ruhmreiche Abenteuer aufgebrochen war und entlang der Fechtarena, die zu ihren besten Zeiten tags wie abends Wettkämpfer und Schaulustige aus der ganzen Stadt angelockt hatte. Sie schlichen durch finstere Gassen, in denen lumpige Seeleute ihre Familien untergebracht hatten, während sie die Welt erkundeten oder Schiffe plünderten. Es war sonst kein Mensch auf den Straßen. Wo die Häuser aufhörten, wurde es waldig. Sie näherten sich der Mauer.

“Es ist lange her, dass ich bei den Gauklern war.”, sagte die Hafenspielerin plötzlich. “Warum solltest du auch?”, entgegnete die Gauklerin. “Der Weg über den Markt ist weit und wahrscheinlich kennt dich außer mir ja doch keiner mehr.” – “Es ist schade.”, antwortete die Hafenspielerin. “Ja.”

Vor ihnen ragte ein scheinbar unüberwindliches Gerüst aus Baumstämmen und Mörtel in die Höhe. Die Gauklerin schaute die junge Frau vom Hafen noch ein letztes Mal an und sagte, sie solle gut nach Hause kommen. Dann klopfte sie ihr zweimal auf die Schulter und kletterte die Mauer empor, als ob es ein leichtes wär. Die Hafenspielerin schaute ihr nach, bis sie verschwunden war. Sie blieb allein zurück, kehrte um und machte sich auf den Weg in eine der dunklen Gassen, in denen auch sie zu Hause war. Sie dachte wieder an die alte Zeit, als noch alles zum Hafen gekommen war, der von überall her leuchtete, weil die Bewohner der anderen Viertel zu später Stunde mit ihren Laternen nach Hause zogen, glücklich und ohne Sorgen. Ein Lächeln umspielte ihre Lippen, doch da merkte sie erst, wie leer eigentlich alles geworden war und der Hafenspielerin wurde klar, was es bedeutete, dass die Stadt in ihre Viertel zerbrochen ist. Sie schaute zurück zur Mauer und dachte wieder daran, wie unwichtig die Gründe dafür waren, dass sich die Lage so verändert hatte und sie fragte sich ob es wohl immer so bleiben würde.